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Zehn Pfennig für ein Bier

 
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BSM3632
Brauereichef
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Anmeldungsdatum: 06.11.2006
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BeitragVerfasst am: 31.12.2006 10:26    Titel: Zehn Pfennig für ein Bier Antworten mit Zitat

Zitat:


Zehn Pfennig für ein Bier

Als es am Niederrhein noch zahlreiche Brauereien gab und in Wesel 120 Gaststätten, sicherte sich die heutige Kreisstadt den Beinamen "Befestigte Kantine".

WESEL. Keine Frage, bei diesem Anblick läuft durstigen Biertrinkern das Wasser im Mund zusammen. Während die Kutscher auf ihrem Bock sitzen und lauter Fässer Nachschub ankarren, wartet hinter dem himmelblau gestrichenen Gartenzaun ein kühles Blondes im appetitlich angelaufenen Glas. Das Plakat, das in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts für Bier warb, wurde in der Weseler Plakat-Fabrik Marlet hergestellt. Und das Bier? Vielleicht auch. Denn am Niederrhein gab´s einst viele Brauereien. Hardering in Büderich, Kloppert in Hamminkeln, Stams, Kesseler und Luyken & Tigler in Wesel zum Beispiel.

Letztere hatte ihren Sitz nahe des Lippehafens, der für ihre Bedürfnisse auch genutzt wurde. Die Brauereistraße erinnert an den Standort, den Dr. Konrad Gilhaus bestens kennt. Als Sohn des Niederlassungs- und Verkaufsleiters Fritz Gilhaus wuchs er quasi mit der Brauerei auf - auch wenn sie damals schon lange nicht mehr den Namen Luyken & Tigler trug, sondern Dortmunder Actien-Brauerei hieß.

Man schrieb das Jahr 1863, als die Kaufleute Luyken und Tigler das Gelände für ihr Vorhaben kauften. Lagerbier sollte hier produziert werden, mit Wasser aus dem eigenen Brunnen. Eis zur Kühlung kam aus dem Lippehafen, in einer Zeit als der Winter noch ein Winter war. Der Konkurrenzkampf unter den niederrheinischen Brauereien tobte. Da gelang den pfiffigen Weseler Kaufleuten der große Coup: Sie schafften sich 1884 als erste Brauerei am Niederrhein eine Eismaschine der Firma Linde an. Klarer Vorteil: Nun konnte der Gerstensaft nicht nur zwei-, sondern sechsmal jährlich abgefüllt werden. Es ging bergauf.

Und so entstanden auf dem Brauereigelände Häuser für Mitarbeiter, in denen auch Familie Gilhaus eine Wohnung erhielt. Konrad Gilhaus verbrachte hier Kindheit und Jugend und erinnert sich genau an den letzten Kutscher Fritz Knorth mit seinem Pferd Hans. Das Duo transportierte die Bierfässer sicher an ihren Bestimmungsort. Langsam nahte die Zeit der Bügelverschlussflasche, von denen es noch einige Originale von Luyken & Tigler gibt. Schließlich erhielten die Mitarbeiter lange den so genannten Haustrunk, sechs Flaschen Bier am Tag.

Bereits im Jahr 1900 war Schluss mit Luyken & Tigler, Habich und Voss übernahmen die Geschäfte. Neue Technik wurde installiert, Stangeneis zum Renner in den Gaststätten. 1914 gab es in Wesel reichlich davon. 120 sollen es gewesen sein, was der Stadt den Beinamen "Befestigte Kantine" einbrachte. Das Glas Bier kostete zehn Pfennig und fand vor allem bei den Soldaten der Garnison reißenden Absatz. Doch der Krieg bereitete der positiven Entwicklung ein Ende.

1919 wurden die Braukontingente an die Dortmunder Actien-Brauerei verkauft, der Braubetrieb wurde eingestellt. Dafür entstand eine Abfüllungs- und Vertriebsniederlassung. Die Bierfässer rollten aus der westfälischen Metropole an den Niederrhein, denn ab 1922 gab es ein Anschlussgleis an die Reichsbahn. 200 Liter fassten die Fässer, aus denen in Wesel stündlich 1200 Halbliterflaschen befüllt wurden. Das Schließen der Bügel übernahmen sieben Mitarbeiter ebenso wie die Etikettierung. Dafür gab´s 94 Pfennige bis 1,04 Mark pro Stunde.

Es ging weiter voran: Lastwagen wurden angeschafft. Der Bierabsatz stieg, 1929 waren es 25 341 Hektoliter. Lange währte der Boom aber nicht. Die Wirtschaftskrise blieb nicht ohne Folgen. 1933 wurde noch nicht mal die Hälfte der Menge verkauft. Der Krieg brachte weitere Einschnitte, etwa die Senkung des Stammwürzegehalts und die Erlaubnis, dem Bier Zucker zuzusetzen. Im Jahr 1941 machte sich der Mangel an Braugerste auch dadurch bemerkbar, dass Gaststätten nur noch eingeschränkte Öffnungszeiten hatten.

Nach dem Ende des Krieges lag nicht nur Wesel in Trümmern, auch das Brauereigewerbe lag brach. Es galt ein Brauverbot. Erst nach und nach wurde ein bierähnliches Getränk aus Molke, Wasser, Hefe, Hopfen und zusätzlichen Hilfsmitteln hergestellt. Hoku hieß die Mischung, die trotz ihres merkwürdigen Geschmacks begehrt war.

Die Aufbauarbeiten - auch an der Brauerei - gingen zügig voran. Dünnbier kam auf den Markt, vereinzelt etwas Starkbier. Im Herbst 1949 gab es Friedensbier. Das Wirtschaftswunder machte sich bemerkbar. Die Nachfrage war groß, die Technik in der Brauerei wurde auf den neuesten Stand gebracht. 1965 zählte die Belegschaft 52 Mitarbeiter. Es gab einen leistungsfähigen Fuhrpark und einen Festzeltservice. Schon ein Jahr später löste der Kronkorken den Bügelverschluss ab. Holzkästen wurden durch Kunststoffkästen ersetzt, die Holzfässer durch Aluminiumfässer. Hansa Pils kam hinzu und die DAB/Hansa-Gruppe änderte ihre Vertriebsstrategie. Ihr fiel 1981 auch die Weseler Niederlassung zum Opfer.

Quelle: Neue Ruhr Zeitung Sonntag, 31. Dezember 2006

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